Kitzingen – eine sterbende Kleinstadt!?
Wieder drei Geschäfte weniger. Drei Einzelhändler haben zum Jahreswechsel aufgegeben. Aber am besten fange ich erst einmal vorne an, wie es sich gehört.
Ich selbst bin ein Ur-Kitzinger. Zwar erst 30 Jahre jung, aber bis auf einige Monate Wehrdienst habe ich mein Leben immer in Kitzingen verbracht. Angefangen vom Kindergarten in der Innenstadt, über die Einkaufstouren mit meiner Oma, wo einem die freundlichen Metzgereiverkäuferinnen noch ein Stück Gelbwurst zum “Anfüttern” geschenkt haben bis hin zur Grundschulzeit in der Kitzinger Siedlung und dem Abitur im städtischen AKG Gymnasium.

Wie in Rothenburg stehen auch in Kitzingen viele Geschäfte leer. (Foto: hisky.de)
Da mein Vater seit 1973 ein Einzelhandelsgeschäft in Kitzingen bertreibt, habe ich natürlich immer live mitbekommen, wenn Veränderungen anstehen.
Es fing eigentlich damit an, dass ein Baumarkt auf der “grünen Wiese” außerhalb der Stadt eröffnet hatte. Dieser verkaufte neben Baustoffen natürlich auch Leuchtmittel, Batterien und auf 10-15 m² “Aktionswaren”. Sprich, alles was er will. Der Grundstein für die zukünftige Entwicklung Kitzingens war somit gesetzt.
Der Eisenwarenhändler namens Barreiss konnte nicht mit kostenlosen Parkplätzen, einer Waschanlage und Tankstelle dagegen halten. Die Firma gibt es zwar noch, allerdings konzentriert man sich nur noch auf Firmenkunden und den Onlinehandel. Über 60.000 Bewertungen bei ebay sind die Antwort des alteingesessenen Fachhändlers.
Hierauf folgte ein Elektromarkt, der heute der Expert-Kette angehört und sich in der Nähe des Globus Baumarktes ansiedelte. Mein Senior wollte schon die Segel streichen, hat sich aber dank der Mobilfunkwelle Ende der 90er Jahre dagegenstemmen können.
So hätte alles bleiben können. Aber nicht für die Stadträte, welche weitere Bau- und Gewerbegebiete ausgewiesen haben. Der örtliche E-Center (seines Zeichens der größte im Gebiet Nordbayern-Sachen-Thüringen) durfte auf 10.000m² anbauen und eigene Ladenflächen schaffen, wo heute ein Mister & Lady Jeans sowie ein Deichmann Platz finden. Tankstelle und Waschstraße gibt es natürlich ebenfalls.
Doch damit nicht genug. Die Firma ALDI baut gerne in der Nähe von EDEKA. Also gab es einen ALDI Markt quasi umsonst dazu. Kaufland mag EDEKA auch unglaublich gerne. Also wurde ein weiteres Gewerbegebiet erschlossen. Hier siedeln heute ein Kaufland, ein POCO Möbelmarkt, ein ROFU Kinderland, ein Fressnapf und einige kleinere Gewerbebetriebe. Achja. Und ein Puff Bordell..
Damit aber auch andere Lebensmitteldiscounter eine faire Chance haben und jeder Markt der Innenstadt ja nur ca. 5% vom Umsatz wegnimmt, gab es noch ein Gewerbegebiet. Für einen weiteren ALDI, einen REWE und einen Müller Drogeriemarkt. Das fand Rossmann übrigens gar nicht lustig – diesem wurde kurz vorher der Bau vor der Stadt verweigert. Man musste sich in einer kleineren Fläche in der Innenstadt neben NKD ansiedeln.
Die Innenstadt hat diese “kleinen” Veränderungen natürlich total klasse verkraftet. Von ehemals drei Kaufhäusern existiert nur noch eines – wo sich die beiden oben genannten Filialen niedergelassen haben. Eine Fläche steht seit Jahren leer, nachdem ein Mitarbeiter versucht hatte, es vor der Schließung zu retten.
Aus einem Haushaltswarengeschäft wurde ein Optiker, aus vielen anderen Flächen entweder ein Bäcker, ein Dönerladen oder eben ein anderer Optiker. Oder das Ladengeschäft steht leer – ich weiß von alleine sechs Stück in unserer näheren Umgebung. Viele andere kämpfen um das Überleben oder reduzieren das Personal sowie Werbekosten. So blutet die Innenstadt weiter aus – ein Flyervergleich am Wochenende wurde ca. 18:3 für die grüne Wiese entschieden. Die Discounter brüllen einfach lauter.
Sicher kann man den ein oder anderen Lauf der Zeit nicht verändern, wie es unser neuer Bürgermeister Siegfried Müller gesagt hat, ob wohl er selbst bei einem Projekt (Innenstadt hoch 3) mitmachen wollte. Aber man kann versuchen die Veränderungen zu leiten, wie es z.B. in Erlangen vorzüglich geklappt hat. Die Discounter wurden in die Arkaden in der Innenstadt gezwungen, die Innenstadt lebt. Gastronomie und viele andere Läden profitieren indirekt, alle sind zufrieden.
Ich bin jedes Mal ein wenig traurig, wenn ich unsere tote bzw. ausgestorbene Innenstadt sehe. Was war hier früher für ein Leben vorhanden. Alles kaputt gemacht, wegen einigen Stadträten, welche kurzfristig und beschränkt denken und nicht das Ganze sehen.
Ich möchte mit diesem Beitrag alle warnen, die noch eine intakte Stadt vor sich haben. Kauft dort ein, lasst Euer Geld in Eurer Stadt. Nur dort finden Eure Kinder später einen Ausbildungsplatz oder auf die Schnelle die nötigen Schulbücher etc. Und im Alter möchte man noch bedient werden und nicht auf 10.000² oder mehr auf verlorenem Posten stehen.

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